Biker auf der Suche nach der Perle am Haff

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Ein Biker berichtet über eine Tour
Eine Tour am Stettiner Haff, durch die Ueckermünder Heide und die Brohmer Berge

(Oktober 2005)- Normalerweise geht der Sommer im September so langsam zu Ende. Nicht so in diesem Jahr und nicht im Norden. Da wurde noch mal so richtig an der Temperatur-Wetterschraube gedreht und das Resultat war eine stabile Hochwetterlage mit Sonne ohne Ende und Temperaturen um 28°C. Was also lag näher, als noch mal ein Bündel zu schnüren und die Intruder zu satteln. Das Ziel: Der äußerste Nordosten des Landes. Dort, wo in Deutschland zuerst die Sonne aufgeht. Wir wollten sehen und vor allem erfahren, was dran ist an dem Geheimtipp Stettiner Haff, Ueckermünder Heide und Brohmer Berge. Zumal wir auch noch von einer "Perle" im oder am Haff gehört haben.

Wir kommen aus westlicher Richtung, zunächst durch Anklam. Eine alte Hansestadt, die auch mal zu Schweden gehörte. Wer sich mehr fürs Fliegen interessiert, ist hier in der Geburtsstadt von Otto Lilienthal bestens aufgehoben. Ein Besuch im Museum lohnt sich auf jeden Fall. Man lernt eine Menge von den Anfängen bis zum gegenwärtigen Stand der Luftfahrtentwicklung.
Uns interessieren aber eher Straßen, Strecken und die Landschaften. Deshalb fahren wir auf der B 109 in Richtung Pasewalk weiter und suchen das Peenetalmoor. Nach 8 km verlassen wir die Bundesstraße und biegen links nach Alt Kosenow ab. Eine nagelneue Piste führt uns vorbei an Lucienhof, durch Rosenhagen, in Richtung Anklamer Fähre. Aber nicht zu früh freuen, denn hier dürfen nur Fußgänger und Fahrräder mit. Außerdem setzt die über zur Insel Usedom und da wollen wir heute nicht hin.
Die 500 m Plattenweg sind schnell vergessen, als wir unser erstes Ziel erreicht haben. Ein unglaublicher Blick über das Moor - blaues Wasser, grüne Inseln und im Hintergrund der sterbende Birkenwald. Von unten zu viel Wasser und von oben die Kormorane mit ihren extremen Exkrementen. So was wird auf Dauer jedem Baum zu viel. Das ist aber so gewollt und in Ordnung, seit im Moor wieder allein Mutter Natur das Sagen hat. Irgendwie erinnert das an die Everglades, nur Krokodile haben wir keine gesehen. Dafür aber viele Wasservögel. Vorsichtig lassen wir die Maschinen wieder an. Aber das scheint die Wasserbewohner nicht sonderlich zu beeindrucken und so fahren wir in Richtung Ducherow weiter. Hier gibt es ein Motorradmuseum, das aber leider nur am Sonntag geöffnet ist.
Wieder ein paar km auf der B109, bis Rathebur und dann rechts auf die L31 nach Schwichtenberg und damit in die Friedländer Große Wiese. Historischer Boden sozusagen, auf den Spuren von "Egon und seinem 8. Weltwunder". In der DDR kannte den jeder. 1958 - 60 wurde hier ein Jugendobjekt zur Trockenlegung eben der Friedländer Wiese gestartet. Jugendliche aus allen Bezirken haben daran mitgearbeitet und sind in Schwichtenberg mit der Bahn angekommen. Das Basislager mit den Wohnbaracken existiert noch heute und steht unter Denkmalschutz.
Über diese Aktion hat der Schriftsteller Joachim Wohlgemuth ein Buch geschrieben: "Egon und das achte Weltwunder".

Bevor es dann wirklich in die Wiese geht, sehen wir uns noch den Bahnhof der MPSB, der Mecklenburg-Pommerschen Schmalspurbahn an. Hier wurden schon seit 1891 Vergnügungsfahrten in offenen Güterwagen durchgeführt.
Wahrscheinlich eine Art Promotion für die Eisenbahn, damals. Das geht auch heute wieder, allerdings nur nach vorheriger Absprache.
Wir werfen noch einen Blick in den nahe gelegenen Findlingsgarten und fahren dann über Fleethof und Heinrichswalde um den Galenbecker See herum. Es ist wirklich ein fast berauschendes Gefühl, auf kaum befahrenen Pisten durch eine schier unendliche Wiesenlandschaft zu cruisen. Man spürt den Fahrtwind, einen "irren Duft von frischem Heu" oder Gras, wird unwillkürlich etwas langsamer und verspürt das Bedürfnis, sich in so eine frisch gemähte Wiese zu schmeißen….

Wir fahren aber weiter über Rothemühl und Neuensund in Richtung Friedland, denn dort irgendwo soll es Wein geben, mehr noch, ein richtiges Weingut, mit Weinbergen, Weinkeller, Winzer, Weinkönigin, mit allem drum und dran eben. Auf der L 282 biegen wir in Lübberstorf links ab und kommen nach Brohm, dem Ort, der dieser Gegend den Namen gab. Wir befinden uns nämlich in den Brohmer Bergen. Zusammen mit dem Galenbecker See gehören sie zum Naturpark "Am Stettiner Haff", dem jüngsten in Mecklenburg-Vorpommern. Von Brohm gibt's eine kleine, aber für Motorräder feine Straße nach Rattey, dem vorläufigen Ziel unserer Wünsche.
Diese führt direkt zu einem Torbogen, den wir kühn durchfahren und es verschlägt uns die Sprache: Wir stehen in einem Schlosshof, mit Wasserfontainen und im Hintergrund erstrahlt in Würde und Schönheit das Parkhotel und Hochzeitsschloss Rattey. 1998 aufwendig und originalgetreu renoviert, liegt es in Mitten des Schlossgartens, einem Ensemble von über 30 mehr als 700 Jahre alten Eichen. Links und rechts davon an den Südhängen - die Weinreben! Müller-Thurgau, Phönix, Ortega und Huxelrebe sowie Portugieser, Spätburgunder und Regent - weiße und rote Trauben.
Von Pjoen Hartmann, dem Geschäftsführer erfahren wir, das hier seit 1999 wieder Wein angebaut wird. Guter Mecklenburger Landwein. Damit ist man jetzt das 14. und jüngste offizielle Weinanbaugebiet in Deutschland. Nachdem wir uns etwas erfrischt und davon überzeugt hatten, das man hier auch gut feiern und wohnen kann, haben wir mit Interesse zur Kenntnis genommen, das hier auch schon manch illustere Bikertruppe den ein oder anderen Liter Wein und mehr getestet hat. Was nicht weiter verwunderlich ist, denn Hartmann, selbst begeisterter Motorradfahrer hätte uns gerne noch ein paar seiner Lieblingsstrecken gezeigt.
Wir haben's auf später verschoben und wollten nun auf den höchsten Berg von Mecklenburg-Vorpommern. Sicher werden sich die richtigen Bergbewohner angesichts von 179 m ein müdes Lächeln nur schwer verkneifen können, aber der Helpter Berg ist nun mal die höchste Erhebung im Lande. Und die Straße lohnt sich schon zu fahren: Hügelig, mit Kurven links und Kurven rechts, teilweise durch den Wald, gut ausgebaut- macht eben einfach Spaß hier, auch wenn da oben nur ein unspektakulärer Sendemast steht. Auf der anderen Seite liegt dann Woldegk, genannt die Windmühlenstadt. Von den fünf Mühlen sind zwei besonders interessant, weil sie 1993 wieder rekonstruiert wurden: Die Ehlertsche und die Museumsmühle mit dem Mühlencafe. Von hier nehmen wir die relativ wenig befahrene B104 in Richtung Pasewalk, die wir aber in Strasburg/Uckermark wieder verlassen. Wir wählen die K5, überqueren die neue A 20 und erreichen nach knapp 20 km Pasewalk, ehemalige Garnisons- und Ackerbürgerstadt, oder Kürassier- und Eisenbahnstadt, oder wie sie sich selbst nennt: eine Stadt der Kontraste.
Und die gibt es in der Tat. Sehenswert sind u.a. die aufwändig restaurierten Kürassierkasernen, denn ab ca. 1720 waren in Pasewalk über 200 Jahre ununterbrochen Dragoner Regimenter stationiert. Heute sind dort das Landratsamt und ein Veranstaltungszentrum untergebracht. Dann ist da noch das Eisenbahnerlebniszentrum "Lokschuppen". Wobei das mit dem Erlebniszentrum durchaus wörtlich zu nehmen ist. Neben dem Museum für Eisenbahnfahrzeuge und Technik gibt es hier die Möglichkeit in entsprechenden Wagons zu feiern und zu übernachten.
So weit ist es aber noch nicht. Also fahren wir auf der B104 weiter nach Osten in Richtung Bundesgrenze. In Löcknitz müssen wir uns entscheiden, ob wir einen Abstecher nach Polen machen wollen, weil dies die letzte, bzw. nördlichste Möglichkeit ist, das Nachbarland mit dem Motorrad zu erreichen. Zum Grenzübergang Linken sind es noch 10 km. Das wollen wir heute nicht und entscheiden uns für die L 238 nach Norden. Die Region entlang der deutsch-polnischen Grenze macht insgesamt den Eindruck einer Oase für Ruhe- und Erholungssuchende, die meist gut ausgebauten Straßen führen durch ruhige Wälder und kleine Dörfer. Innerhalb einiger Ortschaften kommt es jedoch vor, dass aus welchen Gründen auch immer, noch die "historischen" Straßenbeläge da sind. Im Klartext: bisweilen für Mensch und Maschine ekelhaftes Kopfsteinpflaster. Arme Trude. Ob "Traditionsbewusstsein", Nostalgie oder schlicht kein Geld sei dahin gestellt. Wir nehmen's hin, fahren noch langsamer als erlaubt und haben so zwangsläufig die Möglichkeit, das ein oder andere Detail zu entdecken.
Rothenklempenow z.B. ein "lebendiges Denkmaldorf", der restaurierte Gutshof ist heute eine Europäische Jugendbegegnungsstätte. Fast einmalig auch die ländliche Architektur: eine Mischung aus rotem Backstein, bunten Feldsteinen und Fachwerk.
Wir nähern uns unaufhaltsam den Ausläufern der Ueckermünder Heide und fahren zunehmend durch größere Waldgebiete, die Sonne steht schon ziemlich tief und die Abstände zwischen den Orten werden immer größer. Oft sind es nur ein paar Häuser oder auch nur das was davon übrig geblieben ist. Fast 30% Arbeitslosigkeit, 200.000 Menschen, die M-V seit der Wende verlassen haben, solche Zahlen gehen uns unwillkürlich durch den Kopf… die ballert auch das Tuckern von Trude's Zweizylinder nicht so einfach weg.
Hintersee, Gegensee, Vorsee, so heißen die Orte, dazwischen Ahlbeck, nein nicht das Kaiserbad auf Usedom, das kleine Ahlbeck im Wald. In Luckow finden wir Kitsch und Kunst dicht beieinander, erst ein Vorgarten mit fürchterlichen, ausgeblichenen, Gartenzwergen und gleich daneben eine sehr schöne Fachwerkkirche, im Ensemble mit zwei raffinierten Kunstobjekten.
Wir erreichen Vogelsang und sind dem Haff ganz nahe, nur zu sehen ist es nicht und wieder stehen wir vor einer Entscheidung nach rechts, da reicht Deutschland nur noch 10 km weit oder nach links in Richtung Ueckermünde. In Anbetracht der späten Stunde entschließen wir uns für Ueckermünde und gelangen ein paar Minuten später nach Bellin. Das ist kein Schreibfehler, sondern, wie sich herausstellt, ein Ortsteil von Ueckermünde.
Ein eher unscheinbares Schild weist auf das "HaffHus" hin, an der Dorfstraße 35 biegen wir ab und sind erstaunt. So etwas haben wir nicht erwartet oder vielleicht nur nicht hier? Ein Haus mit außergewöhnlicher Architektur, auf dem Hügel mit Blick auf das Stettiner Haff und eigenem Strand. Darin sind Restaurants, Frühstücks- und Kaffeeterrassen, Wintergärten, Sonnendecks. Dazu ein Schwimmbad, Saunen und Solarium. Wellness geht auch. Der Bungalowpark vermittelt einen Hauch von karibischem Flair und aus dem neuen Appartementhaus, bietet sich ein herrlicher, ungestörter Blick auf das Wasser und den Strand mit dem haff-typischen Schilfgürtel. Nach bester Motel-Manier können wir mit den Maschinen direkt vor das Haus fahren und diese dann vom Schlafzimmer aus sehen. Manche beruhigt das.
Am nächsten Morgen: aufgehende Sonne über dem Stettiner Haff, Fischer im Boot leert Reusen und Netze… Manchmal verblassen sogar Postkarten und Hochglanzprospekte angesichts realer Ein- und Ausblicke.
Auf unserem Weg nach Torgelow machen wir noch kurz Halt in einem Bikerpoint. Die Ferien- und Freizeitanlage Kron Bellin. Der Geschäftsführer Norbert Liersch fährt natürlich auch Motorrad und erzählt, dass er hier in der Saison jeden Sonntag ein Bikerfrühstück veranstaltet. Die Bikerpoints in MV sind ein Netzwerk für bikerfreundliche Unterkünfte in Mecklenburg-Vorpommern. (Infos unter http://www.bikerpoints.de/).
Am Kreisverkehr biegen wir links ab und gelangen auf der L 28 zunächst nach Eggesin, einer kleinen Stadt, die dabei ist, die militärisch dominierte Vergangenheit zu verarbeiten und an den richtigen Platz in ihrer Geschichte zu stellen. Man setzt auf den Tourismus, die natürlichen Voraussetzungen dafür sind gut… nach knapp 20 km sind wir in Torgelow, einem beschaulichen Städtchen mit 11.000 Einwohnern. Früher gab es hier eine königliche Eisengießerei und heute ein beheizbares Heidebad. Was Torgelow aber wirklich berühmt machen könnte, liegt viel weiter zurück: Das sind die Slawen, genauer die Ukranen aus dem X. Jahrhundert. Hier wurde exakt nach archäologischen Funden und in mühevoller Kleinarbeit ein Slawendorf originalgetreu wieder aufgebaut. Flechtwand- und Blockbohlenhäuser, dazu die historischen Werkstätten der Bronzegießer, Töpfer, Schmiede, Brotbäcker usw.
Man kann schon ins Grübeln geraten, bei der Vorstellung, mal einen Sommer oder sogar Winter in diesem Dorf zu verbringen, ganz ohne die heute so selbstverständlichen Annehmlichkeiten… es gibt Leute, die machen das. Sollten doch noch welche "härter" sein als Biker?? Wir haben's nicht im Detail geprüft. Wir sind noch immer auf der Suche nach der "Perle des Haffs" und haben sie nach ein paar Kilometern auf der K12 in Ueckermünde gefunden. Seit 1260 mit dem Stadtrecht versehen, ist sie nicht nur das Urlauberzentrum der Region. Die liebevoll sanierte Altstadt ist auch per pedes sehenswert. Die Maschinen wird man schnell für 'ne Weile los, am besten in der Nähe des Marktes. Fachwerkhäuser, Gründerzeitfassaden, enge Gassen mit vielen schönen Details gibt es zu entdecken. In jedem Fall auch sehenswert sind der Stadthafen und das Bollwerk. Und ein richtiges Pilzmuseum gibt es auch nicht überall. Hier schon! Wem nach Baden ist, der kann das im Haffbad von Ueckermünde: 800 m Sandstrand, eine Strandpromenade (nicht für Motorräder!) und ausreichend "Gastronomitäten" laden hier nicht nur zum (Sonnen)Baden ein.
Wieder in Richtung Westen unterwegs kommen wir durch "Mönkebude", ein idyllisches Urlauber- und Fischerdorf. Wir wollen wissen, warum das so heißt und erfahren mehr darüber im Heimatmuseum, das geöffnet ist, wenn "De Dör up is". Um 1244 kamen Zisterzienser Mönche von Usedom hier her und brauchten natürlich ne Unterkunft. Da Mönche ja nicht besonders anspruchsvoll zu sein scheinen, reichte denen ne "Bude" - eben ne Mönchs-Bude. Daraus wurde dann Mönkebude.

Noch ein paar Kilometer und wir erreichen wieder die B109 und damit hat sich der Kreis oder die Runde für uns geschlossen.
Unser Fazit: Es hat sich gelohnt und Spaß gemacht. Früher wurde die Gegend hier das "Land der drei Meere" genannt. Das Wald-Meer, das Sand-Meer und das Nichtsmehr.
Die beiden ersten sind noch da, aber aus dem Nichtsmehr ist in den letzten Jahren ein Vielmehr geworden. Danach lohnt es sich zu suchen und noch mehr darüber zu erfahren - im doppelten Sinne des Wortes.


Redaktioneller Beitrag + Fotos: Dr. Volker Wahmkow